„Glaubensstur und hoffnungsfroh“

Die Kirche steht vor großen Herausforderungen: sie erleidet einen zunehmenden Mitgliederschwund, und das bedeutet Mindereinnahmen an Kirchensteuer. Sie verliert in unserer säkularisierten Gesellschaft an Bedeutung. Gleichzeitig stehen in Zukunft weniger Pfarrer bereit. Um dem entgegenzutreten und um die notwendigen Transformationen hin zu einer Kirche unter sich ändernden Bedingungen durchzuführen, hat die evangelische Kirche in Baden den Prozess "Ekiba 2032 - kirche.zukunft.gestalten" angestoßen. Sie will Neues ausprobieren, wobei wir uns gleichzeitig auch etwas traurig von Liebgewonnenem verabschieden müssen. Wir berichteten darüber im letzten Gemeindebrief. Auch in der Gemeindeversammlung im Mai und auf dem Mitarbeitertag Anfang Oktober wurde darüber informiert und lebhaft diskutiert.

Im Kirchenbezirk Konstanz trafen sich nun mehrfach Vertreter der Ehrenamtlichen aus allen Gemeinden, zuletzt Mitte Oktober in der Johannesgemeinde in Konstanz. Sie entwickelten Vorschläge aus ihrer Sicht, wie Kirche im Bezirk und in den Gemeinden weiterhin gelingen kann. Ja, wie Kirche auch lebendiger werden und besser in das Leben der Menschen hineinsprechen kann. Dabei ging es vornehmlich um eine intensivierte Kooperation der Gemeinden, um auch bei knapper werdenden Ressourcen auf Menschen zuzugehen und in der Gesellschaft präsent zu sein. Kooperation vermeidet Doppelungen und Verzettelungen. Und es kamen zahlreiche gute Ideen zusammen.

Im Vordergrund stand dabei der Wunsch, Gemeinschaft erfahrbar zu machen, den Glauben zu stärken und als Angebot sichtbar zu machen. Dabei auch für verschiedene Zielgruppen da zu sein, auch der Kirche nicht so Nahe stehende und Suchende anzusprechen. Es wurde als notwendig angesehen, die Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern und die Ehrenamtlichen in ihrem Amt zu stärken. Es müssen aber auch die vorhandenen Angebote geprüft und etwa mit den Milieus in den jeweiligen Gemeinden - z.B. das konservativ-gehobene, das prekäre oder das traditionelle Milieu - bzw. mit den Ansprüchen der Gemeindeglieder abgeglichen werden. Wichtig ist auch, dass sich die Gemeinde mit einem Hauptamtlichen identifiziert, der nicht unbedingt der Pfarrer sein muss. Darüber hinaus braucht es auch eine Offenheit, dass die Hauptamtlichen in ihrer Gemeinde nach ihren Fähigkeiten eingesetzt werden.

Die Talente in den Gemeinden, die Jugendgottesdienste gestalten, Ehrenamtliche gewinnen, Kunst und Musik machen, Bibeltage durchführen, bestimmte Angebote bedienen (z. B. die Vesperkirche in Singen, Seniorentreffpunkte, Arbeit mit Kindern und Jugendlichen), sind zu finden und zu fördern. Dafür müssen entsprechende Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. Auch der Umgang mit den neuen Medien gewinnt an Bedeutung. Hier wurde als Beispiel der Instagramm-Account „Kirche für die Hosentasche“ mit digitalen Angeboten genannt (auf Instagram unter @kirchefuerdiehosentasche). Durch Hilfen, die die Landeskirche bereitstellen sollte, soll die Medienkompetenz in den Gemeinden gestärkt werden.

Die Aktivitäten und Angebote in den Gemeinden sollten durch einen Hauptamtlichen beim Dekanat zusammengeführt, koordiniert und von dort aus wiederum bekannt gemacht werden, zum Beispiel auf der Internet-Seite des Dekanats. Es wurde allerdings auch gesehen, dass die Kapazitäten und Ressourcen für alle diese Vorschläge begrenzt sein werden.

Als Innovation wurde ein sogenannter "Hybrid-Gottesdienst" genannt. Dabei wird die gesamte Liturgie eines Gottesdienstes von einem Ehrenamtlichen geleitet. Nur die Predigt wird als vorbereitetes Video eingespielt und kann an mehreren Orten gleichzeitig genutzt werden. Dies ist auch schon ausprobiert worden. Auch mit neuen Gottesdienstformen und -zeiten soll verstärkt experimentiert werden.

Bei alledem ist wichtig, dass nicht jeder alles machen muss. Es müssen auch die Grenzen beachtet werden, die durch die räumliche Mobilität der Einzelnen gegeben sind.

Man war sich einig, dass die Kooperation gelingen kann, wenn

  • der Transformationsprozess sehr offen und transparent geführt wird und regelmäßiger Informationsaustausch zwischen den Kirchengemeinderäten und Ältestenkreisen sowie dem Dekanat stattfindet,
  • Kompetenz nicht als Konkurrenz verstanden wird (man kann z. B. bei Kulturangeboten zusammenarbeiten),
  • Gottesdienste auch einmal an wechselnden Orten stattfinden,
  • Mobilität und Offenheit in der Gemeinde gestärkt wird,
  • die gastgebenden Gemeinden ihre Willkommenskultur weiter entwickeln,
  • themenbezogene Zusammenarbeit auch im Wechsel mit den Partnergemeinden gesucht wird.

Im Kirchenbezirk werden in Zukunft sogenannte Kooperationsräume gebildet. In ihnen vernetzen sich Gemeinden und arbeiten in den verschiedenen kirchlichen Handlungsfeldern zusammen, beispielsweise bei Gottesdiensten und kirchenmusikalischen Angeboten, Kitas, in der Jugendarbeit, in Angeboten im Religionsunterricht oder in der Erwachsenen- und Familienbildung. Wesentlich ist dabei, dass die Identität der eigenen Gemeinde erhalten bleibt und vor allem keine neuen Grenzen geschaffen werden.

Die Anregungen, Anforderungen und Vorschläge, die bei dem Treffen der Ehrenamtlichen entwickelt wurden, werden der Bezirkssynode als Grundlage für ihre Beratungen übermittelt. Diese soll nach dem gegenwärtigen Zeitplan noch Ende 2022 einen ersten Beschluss als Entscheidungsgrundlage für das Konzept Ekiba 2032 im Kirchenbezirk Konstanz fassen. Anschließend wird dieser Beschluss in den kommenden ein bis zwei Jahren im Pfarrkonvent sowie in den Ältestenkreisen und Gemeinden beraten. Darauf basierend wird die Bezirkssynode dann eine zweite Entscheidungsgrundlage beschließen. Sie mündet in den endgültigen Beschluss des Bezirkskirchenrates und die Meldung an die Landeskirche.

Die evangelische Kirchengemeinde Konstanz hat hierfür schon vor geraumer Zeit einen Strukturausschuss eingerichtet. In ihm beraten Vertreter aus den drei Pfarreien Kreuzpfarrei, Petrus-Paulus-Pfarrei und Luther-Pfarrei, wie der Transformationsprozess in der Kirchengemeinde Konstanz gestaltet werden kann. Sie unterstützen damit den Geschäftsführenden Ausschuss und den Kirchengemeinderat.

Es zeigt sich deutlich, wie wertvoll und notwendig jetzt der Blick über den eigenen Tellerrand ist. So vermittelte das Treffen der Ehrenamtlichen Mut und Zuversicht, ja Freude, mit den evangelischen Christen in der Region enger zusammenzuarbeiten.

Es stehen also spannende Zeiten für die Kirche und unsere Pfarrei an. Bei allen Ungewissheiten, Bedenken und vielleicht auch Ängsten dürfen wir aber "glaubensstur und hoffnungsfroh" sein, wie es Bischöfin Heike Springhart einmal formuliert hat. Wir dürfen darauf bauen, was schon der Apostel Paulus im Epheserbrief geschrieben hat:

Gott öffne euch die Augen, damit ihr das Ziel seht, zu dem ihr berufen seid. Er lasse euch erkennen, wie reich er euch beschenken will und zu welcher Herrlichkeit er euch in Gemeinschaft mit seinem ganzen Volk bestimmt hat. Ihr sollt begreifen, wie überwältigend groß die Kraft ist, mit der er in uns, den Glaubenden, wirkt. (Epheser 1, 18f; Gute Nachricht.)
Informationen zum Strukturprozess findet man im Internet auf der Seite der Evangelischen Landeskirche in Baden www.ekiba.de/infothek/landeskirche-strukturen/ekiba-2032
Und auf der Seite des Kirchenbezirks Konstanz www.ekikon.de/strukturausschuss.

Alfred Maltz